Forever 39: Eine rot-weiße Ära geht zu Ende.

39 Jahre nach der Gründung hieß es am 27. Oktober zum letzten Mal „ready for boarding“. Tausende bereiteten dem letzten Flieger in Tegel einen würdigen Empfang.

Begrüßung des letzten Air-Berlin-Flugs am späten Abend des 27.10. 2017 (Foto: G. Wicker/FBB)

Begrüßung des letzten Air-Berlin-Flugs am späten Abend des 27.10. 2017 (Foto: G. Wicker/FBB)

Im Jahr 1978 wurde die Air Berlin Inc. im US-Bundesstaat Oregon in das Handelsregister eingetragen. Am 28. April 1979 hieß es „Get ready for take-off“ für den airberlin Jungfernflug mit 178 Passagieren an Bord einer vierstrahligen Boeing 707 von Berlin-Tegel nach Palma de Mallorca.

39 Jahre nach der Gründung der airberlin hieß es am Abend des 27. Oktober zum letzten Mal: „Flug AB 6210 von München nach Berlin-Tegel steht zum Einsteigen bereit.“ Das ausgebuchte Flugzeug des Typs Airbus A 320 mit der Registrierung D-ABNW startete unter der Leitung der Kapitäne Roland Koch und David McCaleb von der bayerischen Landeshauptstadt nach Berlin-Tegel. An Bord befanden sich 178 Passagiere und acht Besatzungsmitglieder.

Es war ein emotionaler Abschied für Passagiere und Airline-Mitarbeiter. airberlin hat über Jahrzehnte den europäischen Luftverkehrsmarkt mit ihrem unverwechselbaren Berliner Charme mitgeprägt und seit ihrem Erstflug im Jahr 1979 über eine halbe Milliarde Passagiere sicher und bequem an ihr Ziel befördert. Hoffnungen, Träume, die Sehnsucht nach der Ferne und die Liebe zum Reisen flogen immer mit und erzeugten tausende Geschichten.

Der Aufstieg: Vom Charter-Carrier zum europäischen Luftfahrtkonzern

Die Gründungsgeschichte der airberlin beginnt in den USA. Der US-Pilot Kim Lundgren verliert nach der ersten Ölkrise 1973/74 seine Anstellung bei der Pan American in Europa. Statt in die USA zurückzukehren, verwirklicht er einen langgehegten Traum und gründet eine Charter-Fluggesellschaft. Nach dem Fall der Berliner Mauer 1989 und der Wiedervereinigung 1990 verliert Kim Lundgren seine Sonderrechte für den Berliner Luftraum und muss deutsche Mehrheitsgesellschafter suchen.

Im April 1991 kauft Joachim Hunold 82,5 Prozent der Geschäftsanteile und gründet die Air Berlin GmbH & Co. Luftverkehrs KG. Die Airline startet mit zwei Flugzeugen und 150 Mitarbeitern. airberlin fliegt Gäste deutscher Reiseveranstalter zu Sonnenzielen rund ums Mittelmeer. Im Sommer 1992 verzeichnet die Fluggesellschaft 15 Flüge am Tag. Im Jahr 2016 sind es 800.

1998 führt airberlin den Einzelplatzverkauf ein und startet den Mallorca Shuttle, der als Einstieg in das Linienfluggeschäft gilt. airberlin wird Marktführer in Palma de Mallorca. Am 5. Februar 2015 begrüßte airberlin ihren 80-Millionsten Passagier nach Mallorca an Bord. Per 31. Dezember 2003 wird airberlin gemessen an der Zahl der Passagiere die zweitgrößte Fluggesellschaft Deutschlands.

Im Jahr 2004 erwirbt airberlin knapp 25 Prozent der Anteile an der österreichischen Fluggesellschaft NIKI und geht 2006 an die Börse.

Mit der Übernahme der Fluggesellschaft dba im gleichen Jahr erweitert airberlin das Angebot um ein dichtes innerdeutsches Streckennetz. Die Air Berlin PLC, juristische Obergesellschaft der airberlin group, wird 2005 als Aktiengesellschaft nach britischem Recht in England und Wales gegründet. Im Jahr 2007 folgte der Kauf des Ferienfliegers LTU. airberlin bietet damit auch interkontinentale Verbindungen an.

Im Dezember 2011 vereinbaren airberlin und Etihad Airways eine strategische Partnerschaft. Im Frühjahr 2012 tritt airberlin der globalen Airline-Allianz oneworld® bei. airberlin bietet ihren Gästen nun ein weltweites Streckennetz an und verabschiedet sich vom Image des reinen Mallorca-Shuttles. In den Folgejahren erweitert airberlin schrittweise ihr Partnernetzwerk und vergrößert ihr Langstreckenangebot um Destinationen in den USA und der Karibik.

airberliner haben viele Geschichten zu erzählen

– airberliner waren mutig: Nachdem thailändische Regierungsgegner 2008 den Hauptflughafen von Bangkok mehrere Tage blockiert haben, fliegt airberlin mit Sondergenehmigung als erste Airline zahlreiche gestrandete Passagiere vom Militär-Ausweichflughafen Utapao aus Thailand aus.
– airberliner waren einmalig: Als einzige Airline flog airberlin von Europa non-stop nach Fort Myers. Besonders waren auch die jährlichen Rundflüge zum Nordpol sowie zur Kometenbeobachtung oder das Düsseldorfer Charity-Event „Help & Fly“.
– airberlin hatte auch ungewöhnliche Fracht an Bord: vom Lamborghini über Wasserschweine bis hin zum Koala in der Flugzeugkabine.
– Auch Schwaben können airberliner sein: Eine schwäbelnde Flugbegleiterin wurde 2011 zum viralen Hit im Internet.
– Die Handball Europameister landeten 2016 mit airberlin und Meisterschale im Gepäck unter tosendem Beifall in Berlin-Tegel.
– Flying Home for Christmas: Die airberlin Weihnachtsflieger sorgten mit ihrer Sonderlackierung in der Weihnachtszeit immer für viel Aufsehen. Der Weihnachtsbaum durfte bei airberlin auf allen Flügen im Dezember gratis mitfliegen.
– airberlin war innovativ: Als weltweit erste Fluggesellschaft hat airberlin im Mai 2001 eine Boeing 737-800 mit Blended Winglets im Liniendienst eigesetzt. Zudem war die Airline weltweit Vorreiter für das Boarding per Smartwatch und. 3G Internet an Bord.
– Im Juli 2017 fliegt der 100-jährige US-Veteran und Held der Luftbrücke James „Maggie“ Megellas mit airberlin von Miami nach Berlin. Damit ist er einer der ältesten Fluggäste in der Geschichte von airberlin.

Der tiefe Fall: Schnelles Wachstum, Milliardenverluste, Insolvenz

Der Wachstumskurs in den Jahren nach dem Börsengang 2006 führte zu stark steigenden Passagier- und Mitarbeiterzahlen. Gleichzeitig verschärfte das schnelle Wachstum die strukturellen Probleme der airberlin: eine unscharfe Marktpositionierung, ein stark saisonal geprägtes Geschäft und hohe operative Kosten führten regelmäßig zu negativen und hochgradig unbefriedigenden Geschäftsergebnissen.

Im Schnitt machte airberlin seit dem Börsengang im Jahr 2006 Monat für Monat rund 25 Millionen Euro Verluste. Im Gesamtzeitraum seit dem Börsengang beliefen sich die Verluste auf rund drei Milliarden Euro.

Nach dem Börsengang jagte ein Restrukturierungsprogramm das nächste. Das Ziel war stets das gleiche: Kosten senken. CEOs hatten nach dem Abgang des langjährigen Vorstandsvorsitzenden und Gründer Joachim Hunold 2011 eine kurze Verweildauer im Unternehmen. Auf Hunold folgten Hartmut Mehdorn, dann Wolfgang Prock-Schauer und Stefan Pichler.

Im Herbst 2016 unternahm das Unternehmen mit Unterstützung des Gesellschafters Etihad Airways einen weiteren Restrukturierungsversuch. Allen Beteiligten war zum damaligen Zeitpunkt klar: Die airberlin in der bisherigen Form als Airline, die nahezu alle Märkte und jedes Geschäftssegment bedienen sollte, hatte keine Überlebenschance. Geplant war die Fokussierung der airberlin als Business-Carrier mit einem Schwerpunkt auf Flüge innerhalb Deutschlands, zu europäischen Städtezielen und ausgewählten Langstreckenverbindungen in den USA. Mit der Lufthansa Group wurde ein Wet-Lease-Abkommen über 38 Flugzeuge abgeschlossen. Das saisonabhängige Warmwasser-Touristik-Geschäft sollte in ein Joint Venture zwischen Etihad, NIKI und TUI ausgelagert werden. Mit weiteren Unternehmen wurden Gespräche zu Kooperationen, Partnerschaften und Übernahmen von Teilbereichen der airberlin geführt.

Im Februar 2017 wurde Thomas Winkelmann zum CEO der airberlin ernannt. In einem Zeitraum von vier Jahren sollte er die Airline sanieren. Winkelmann kündigte kurz nach seiner Amtsübernahme an, dass über die bestehende Strategie vom Herbst 2016 hinaus neue Möglichkeiten ausgelotet werden müssten, um eine wirtschaftliche Zukunft der airberlin und seiner Mitarbeiter erreichen zu können. Als größte Probleme identifizierte Winkelmann drei Punkte: hohe finanzielle Belastungen durch ungünstige Finanzierungsgeschäfte in der Vergangenheit, hohe laufende Kosten durch überhöhte Flugzeug-Leasingkosten und ein kompliziertes und kostenaufwändiges Vertriebssystem. Dadurch, so Winkelmann entstünden dem Unternehmen unnötige Mehrausgaben in Höhe von rund 300 Millionen Euro jährlich. Ende April 2017 kündigte Etihad in einem Letter of Support an, den Sanierungskurs weiterhin langfristig zu unterstützen.

Aufgrund zahlreicher gravierender operativer Probleme am Flughafen Tegel und Planungsfehlern vom Herbst 2016 geriet ab April 2017 der Ausbau der airberlin Langstrecke ins Stocken. Unzählige Flüge mussten gestrichen werden und Passagiere auf ihr Gepäck warten. Im August 2017 entzog Etihad der airberlin eine zugesagte Kreditlinie. Die Anmeldung der Insolvenz am 15. August war die logische Konsequenz, da ohne die finanzielle Unterstützung des Hauptaktionärs keine positive Fortführungsprognose mehr für das Unternehmen bestand.

Seit dem 15. August fliegt airberlin unter den strengen Rahmenbedingungen eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung. Nur dank eines kurzfristig bereitgestellten Überbrückungskredits der Bundesregierung konnte eine Stilllegung der Flotte (Grounding) und damit ein unmittelbarer Verlust aller airberlin Arbeitsplätze verhindert werden.

Zum 15. Oktober 2017 musste airberlin ihr Langstreckenangebot einstellen, da Flugzeugleasing-Firmen ihre Flugzeuge zurückforderten. Im Zuge des strukturierten Investorenprozesses konnten mittlerweile mit der Lufthansa Group und der Zeitfracht Gruppe zwei Investoren gewonnen werden, die Teile des Unternehmens übernahmen. airberlin und die Bietergemeinschaft Nayak/Zeitfracht haben einen Durchbruch in den Verhandlungen zum Verkauf der airberlin technik (ABT) erreicht. Demnach wird die Bietergemeinschaft die airberlin technik übernehmen. Die parallelen Verhandlungen mit easyjet und Condor zum Verkauf von Teilen der Luftverkehrs KG dauern derzeit an.

Am Anfang steht das Lächeln der Flugbegleiter und zum Abschied gibt es das rote Schokoherz

Nun verabschiedet sich airberlin nach 39 Jahren von der nationalen und internationalen Luftfahrtbühne. Der preisgekrönte airberlin Service, die vielseitige Bordverpflegung und ein attraktives Streckennetz machten für viele Passagiere den Unterschied aus. Nichts prägte das Flugerlebnis mit airberlin so sehr wie das berühmte Schokoherz mit einer Auflage von 15 Millionen Stück pro Jahr. Das Schokoherz ist Tradition und eine kleine Aufmerksamkeit, die jedem Passagier ein Lächeln hervorzaubern konnte. airberlin bedankt sich an diesem traurigen Tag bei allen Mitarbeiter, Partnern und Passagieren, die uns über die vielen Jahre ihr Herz und ihre Treue geschenkt haben. airberlin wünscht allzeit „Happy Landings!“ und sagt im Namen aller Mitarbeiter „Macht et jut!“

Air Berlin

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