BFU-Bericht: A319 in Turbulenzen

Anfang September kam ein A319 während des Sinkfluges auf Berlin-Tegel in eine starke Turbulenz. Dabei wurden mehrere Personen leicht und eine Passagierin schwer verletzt. Nun liegt ein Zwischenbericht vor.

Germanwings Airbus A319-100 D-AGWI (TXL 3.1.2014)

Germanwings Airbus A319-100

Der Airbus A319 (D-AKNL, msn 1084) der Germanwings befand sich auf einem Flug von Lamezia Terme, Italien, nach Berlin Tegel. An Bord befanden sich 112 Passagiere und fünf Besatzungsmitglieder. Der verantwortliche Luftfahrzeugführer (PIC) war der steuernde Pilot (PF) und der Copilot fungierte als überwachender Pilot (PM). Das Flugzeug sank um 16:20:31 Uhr von der Reiseflugfläche 380 zunächst auf FL360 und später auf FL320. Um 16:27:34 Uhr wurde die Cockpitbesatzung durch München Radar angewiesen mit einer Sinkrate von mindestens 1 500 ft/min von FL320 auf FL230 zu sinken. Um 16:29:20 Uhr fand ein Frequenzwechsel zu Bremen Radar statt. Bremen Radar erteilte der Besatzung eine weitere Freigabe zum Sinken auf FL140. Um 16:30:31 Uhr wies der Fluglotse den Piloten an, in Richtung des Wegpunktes DT452 zu fliegen, was von der Besatzung bestätigt und mit einer Linkskurve ausgeführt wurde.

Auf dem Radar war alles grün

Da das Flugzeug sich während des Sinkfluges einer Wolkendecke näherte, entschlossen sich die Piloten um 16:30:41 Uhr in ca. FL250 das Wetterradar anzuschalten. Nach Angaben der Cockpitbesatzung zeigten die Wetterradarbilder auf den Navigationsbildschirmen zu diesem Zeitpunkt nur grün dargestellte Niederschlagsbereiche geringer Ausdehnung an, die nicht auf der geplanten Flugroute lagen. Welche Einstellungen (Tilt, Mode (WX/TURB or WX), etc.) am Bedienfeld des Wetterradars gewählt worden waren, konnte die BFU in ihrem Zwischenbericht (Aktenzeichen: BFU19-1258-1X) nicht ermitteln. Die Cockpitbesatzung entschied sich um 16:30:55 Uhr in ca. FL244 die Anschnallzeichen für die Kabine anzuschalten. Daraufhin machte eine Flugbegleiterin eine Passagierdurchsage über Passenger Address (PA), um die Passagiere auf die eingeschalteten Anschnallzeichen hinzuweisen und sie aufzufordern, ihre Sitzplätze wieder einzunehmen und sich zu vergewissern, sicher angeschnallt zu sein. Da der PIC die Ansage mithörte, sah er sich nicht veranlasst, seinerseits eine weitere Passagierdurchsage zu machen. Etwa 8 s nach Beendigung dieser Durchsage (16:31:24 Uhr) und vor Einflug in die Wolkendecke kam es ca. in FL233 zu einer starken Turbulenz, die zu einer negativen Vertikalbeschleunigung von ca. -0,6 g führte.

Heftige Turbulenzen

Diese Vertikalbeschleunigung erzeugte eine kurzzeitige Steigrate des Flugzeugs von ca. 700 ft/min und eine Unterbrechung des Sinkfluges. Im Zeitraum des Turbulenzereignisses stieg die Windgeschwindigkeit um ca. 15 kt und die Windrichtung änderte sich von ca. 139°auf ca. 119° (siehe Abb. 6). Der Autopilot AP1 war vor, während und nach dem Turbulenzereignis eingeschaltet (engaged). Der PIC reduzierte nach dem Vorfall über die Flight Control Unit (FCU) die Geschwindigkeit von 288 kt auf 275 kt und die Sinkrate von 2 600 ft/min, zunächst kurzfristig auf 0 ft/min und dann auf 700 ft/min. Um 16:32:11 Uhr meldete sich die leitende Flugbegleiterin bei der Cockpitbesatzung und berichtete, dass sie und eine Flugbegleiterin sich den Kopf an der Decke angeschlagen hätten, eine weitere Flugbegleiterin sich einen Finger verletzt habe und eine Passagierin ebenfalls gegen die Decke gestoßen sei. Nach Rücksprache des Copiloten mit der leitenden Flugbegleiterin, forderte der PIC über Bremen Radar medizinische Versorgung nach der Landung an. Des Weiteren informierte er den Radarlotsen darüber, dass sie im Sinkflug die von Bremen Radar (um 16:33:25 Uhr) vorgegebene Geschwindigkeit (min. 270 kt) und Sinkrate (min. 2 000 ft/min) auf Grund starker Turbulenzen nicht einhalten könnten. Daraufhin befreite der Lotse sie von diesen Vorgaben.

Bis dahin waren Bremen Radar und München Radar keine starken Turbulenzen in dem durchflogenen Gebiet gemeldet worden. Nach Aussagen des PIC waren nach Einflug in die Wolkendecke – kurz nach dem Turbulenzereignis – auf dem Wetterradarbild gelb und wahrscheinlich auch rot dargestellte Niederschlagsbereiche größerer Ausdehnung zu erkennen. Um 16:39:06 Uhr wies der PIC über PA die Kabinenbesatzung an, sich hinzusetzen und anzuschnallen (“Cabin crew be seated, cabin crew be seated“). Um Niederschlagsgebiete starker Intensität zu umfliegen, wurde um 16:39:25 Uhr vom Copiloten beim Radarlotsen ein Kurswechsel auf 345° erbeten, der vom Lotsen genehmigt wurde. Beim Passieren von FL100, schaltete die Cockpitbesatzung bereits um 16:39 Uhr die Anschnallzeichen aus und wieder an, um der Kabinenbesatzung zu signalisieren, dass die verbleibende Flugzeit bis zur Landung noch ca. 10 min beträgt. Der weitere Anflug und die Landung in Berlin Tegel auf der Piste 26R um 16:48 Uhr verlief problemlos.

13 Verletzte

Vor dem Verlassen des Flugzeugs an der Parkposition wurden diejenigen Passagiere, die sich durch den Turbulenzvorfall verletzt hatten, aufgefordert sitzen zu bleiben und sich ärztlich versorgen zu lassen. Zunächst ließen sich 13 Personen behandeln, von diesen waren 4 Passagiere und 3 Flugbegleiterinnen leicht verletzt und eine Passagierin wurde für mehr als 48 Stunden stationär im Krankenhaus aufgenommen.

BFU

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